Wird das PCO-Syndrom vererbt? Teil 1 – Fakten und Hintergründe

Nov 23
Die Frage, ob PCOS an die eigene Tochter vererbt wird, beschäftigt sicherlich jede Frau, die sich mit dem PCO-Syndrom herumschlagen muss.

Als ich schwanger war, begann ich damit, gezielt nach Studien zum Thema Vererbung zu suchen. Der Gedanke, dass meine Tochter in einigen Jahren die gleichen leidvollen Erfahrungen machen würde wie ich, war für mich schwer zu ertragen. 

Ich fragte mich, ob und was ich tun konnte, um die Wahrscheinlichkeit einer PCOS-Erkrankung meiner Tochter zu minimieren. Existiert die Möglichkeit einer Beeinflussung oder ist eine Weitergabe rein genetisch bedingt? Und ab wann lässt sich PCOS überhaupt erkennen?

Die Forschung schreitet zwar voran, doch ist vieles noch ungeklärt. Teilweise liefern Studien zur Vererbung auch widersprüchliche Aussagen. Wie so oft beim Thema PCOS besteht noch sehr viel Forschungsbedarf.

Dieser Blog-Artikel soll meine bisherigen Erkenntnisse zusammentragen und die wichtigsten Fragen klären. In Teil 2 bekommst du dann einige konkrete Tipps zu Schwangerschaft und Kindheitsphase.

Wird dein Kind später ebenfalls PCOS haben?

Die Wahrscheinlichkeit ist relativ hoch, dass deine Tochter ebenfalls am PCO-Syndrom leiden wird.

Autsch, so ein Satz tut weh!

Man genießt es, Mutter zu sein - gerade wenn es vielleicht viel Mühe und Zeit gekostet hat, überhaupt schwanger zu werden. Aber die Vogel-Strauß-Taktik bringt wenig und verhindert, dass du positiven Einfluss auf die Zukunft deiner Tochter nehmen kannst.

Die Auswertung eines detaillierten Fragebogens aus dem Jahr 2014 ergab, dass 72% der Mütter mit PCOS eine Tochter hatten, bei der ebenfalls PCOS diagnostiziert worden war. Alle Töchter waren schon über 18.
Der durchschnittliche BMI der von PCOS betroffenen Töchter lag bei 34,59. Im Gegensatz dazu hatten die gesunden Töchter nur einen durchschnittlichen BMI von 25,08.
Die interessanteste Frage hierbei ist nun, ob die Töchter mit PCOS aufgrund ihrer Krankheit übergewichtig wurden, oder das Übergewicht PCOS erst endgültig hervorgerufen hatte.

Ich tendiere sehr klar zu der zweiten Annahme.

Je mehr Übergewicht ein Mädchen vor und während der Pubertät hat - und damit einhergehend auch eine Insulinresistenz - desto wahrscheinlicher ist auch die Entwicklung von PCOS, wenn die Veranlagung schon vorhanden ist.

​Wie wird PCOS an deine Tochter ​vererbt?

Es gibt hierzu mehrere Theorien. Wahrscheinlich ist es eine Kombination verschiedener Faktoren.
Um das Risiko der Weitergabe einzuschätzen, kannst du dich fragen, welche der Punkte auf dich zutreffen.

  • ​Leidest du an einer Insulinresistenz ​oder hast/hattest während der Schwangerschaft eine ​Gestationsdiabetes? 
  • Ist dein Anti-Müller-Hormon erhöht?
  • Hast du ​zu viel männliche Hormone?


​Bei der Klärung ​dieser Fragen kann dir dein Frauenarzt helfen, auch wenn er sonst vielleicht ​wenig über die Vererbung des PCO-Syndroms weiß. Dies ist leider bei Frauenärzten ​nicht unwahrscheinlich, wenn sie sich nicht auf PCOS spezialisiert haben.
Du musst deswegen deinen Arzt nicht wechseln, wenn du ansonsten mit ihm zufrieden bist. ​

PCOS

​​Erhöhte Androgeneinwirkung während der Schwangerschaft

​Frauen mit PCOS haben oftmals einen erhöhten Androgenspiegel​​, ​der sich natürlich auch in der Schwangerschaft nicht ​​selbständig wie von Zauberhand ​reguliert.​

Das Ungeborene ist in der Gebärmutter normalerweise vor der übermäßigen Einwirkung männlicher Hormone geschützt. Durch die Plazenta-Aromatase (ein Enzym zur Umwandlung von Androgen in Östrogen) besteht ein guter Schutz gegen zu viel Androgene und die damit verbundenen negativen Folgen.

Leider ist diese Schutzwirkung gerade bei uns Frauen mit PCOS sehr häufig gestört.
Dies kann z.B. durch Stress, generellen Aromatasemangel und vor allem durch einen hohen Insulinspiegel verursacht werden.

​Bei vielen Frauen mit PCO-Syndrom und einer Insulinresistenz kann die Aromatase nicht wie vorgesehen wirken. 

So wird der Fötus schon vor der Geburt mit männlichen Hormonen geflutet. Da dies zum Zeitpunkt der Entwicklung der Fortpflanzungsorgane geschieht, haben die Androgene einen ganz entscheidenden Einfluss auf selbige.
Die Folge sind polyzystische Eierstöcke und Zyklusstörungen in der Pubertät und im Erwachsenenalter.

PCO-Syndrom

Hoher Anti-Müller-Hormonspiegel während der Schwangerschaft

Eine ganz neue Studie aus dem Jahr 2018 untersucht erstmals den Einfluss, den ein Überschuss an AMH während der Schwangerschaft auf den Fötus hat. 

Das Anti-Müller-Hormon (AMH) ist bei Frauen mit PCOS ​sehr oft erhöht. Bei Schwangeren ohne PCOS sinkt d​er AMH-Spiegel normalerweise während der Schwangerschaft. Leider ist dies bei Frauen mit PCO-Syndrom ​meist nicht so, wie nun festgestellt wurde. 

Interessanterweise sind die AMH-Werte dünner Frauen mit PCOS weitaus stärker erhöht, als die der Übergewichtigen.

Im Rahmen der Studie wurden auch Versuche mit trächtigen Mäusen durchgeführt. Durch die Einwirkung des AMH kam es zu einem Testosteronüberschuss sowie einer verminderten Umwandlung des Testosterons zu Östrogen. Dies hat die schon im Abschnitt zuvor beschriebenen Folgen für den Fötus bzw. dessen Fortpflanzungsorgane.

PCO-Syndrom

Genetische Vererbung des PCO-Syndroms

Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass das PCO-Syndrom zumindest teilweise genetisch weitergegeben wird. Trotz der Untersuchung von zahlreichen Genen, die im Verdacht stehen, etwas mit der Vererbung von PCOS zu tun zu haben (sogenannten Kandidatengenen) sind die Erkenntnisse aber momentan noch nicht wirklich eindeutig.

Es deutet aber viel darauf hin, dass z.B. eine genetische Variation des Aromatase-Gens CYP19 zu einer pränatalen Androgenisierung und einem Androgenüberschuss bei erwachsenen Frauen führen kann.

Es wurden vor allem Gene untersucht, die mit der Synthese, der Regulation und der Wirkung von Androgenen zu tun haben. Auch Gene, die Informationen zum Insulinstoffwechsel enthalten sind interessant für die Wissenschaft.


Die Entwicklung des PCO-Syndroms bei Mädchen 

Präpubertät: Polyzystische Ovarien als erstes Anzeichen einer späteren PCOS-Erkrankung

Im Rahmen einer Studie (Battaglia, Human Reproduction, 2002) wurden Töchter von PCOS-Patientinnen im Alter von 6-7 Jahren per Ultraschall untersucht und mit einer Kontrollgruppe verglichen.

93% von ihnen hatten schon polyzystische, vergrößerte Eierstöcke und etwa die Hälfte leicht erhöhten Haarwuchs an Armen und Beinen.

Diese gezielten Ultraschalluntersuchungen offenbaren, dass wohl schon lange vor der Pubertät eine Abweichung von der Norm stattfindet.
Es handelt sich aber natürlich noch nicht um PCOS!

Ob sich bei deiner Tochter in der Pubertät wirklich ein PCO-Syndrom entwickelt, ist nicht sicher. Aber die Veranlagung dafür ist wohl da.

In einer anderen Studie (Legro, 2008) wurden hingegen erst im Verlauf der Pubertät vergrößerte Eierstöcke gefunden.

Pubertät: Insulinresistenz als Hauptproblem

Ein erhöhter Insulinspiegel scheint das primäre Problem während der Pubertät zu sein und kann als Hauptauslöser für eine Weiterentwicklung zum PCO-Syndrom gesehen werden.

Der Androgenspiegel ist in der Regel noch relativ unauffällig.

Wir können davon ausgehen, dass sich eine Insulinresistenz​ in der Pubertät sehr ungünstig auswirkt und die Entwicklung von PCOS vorantreibt.

Bei den meisten Mädchen verschlimmert sich eine vorhandene leichte Insulinresistenz während der Pubertät stark.

Das Gewicht und die Ernährung spielen in dieser Phase also eine entscheidende Rolle! Und hier bist du gefragt!

PCOS bei Jungen?

Und was ist mit den Jungs? 

Die Frage mag überraschen und erscheint auf den ersten Blick abwegig.

Natürlich können Jungen nicht an PCOS erkranken, doch deuten Forschungen darauf hin, dass für die Söhne von PCOS-Betroffenen ein stark erhöhtes Risiko besteht, eine Insulinresistenz oder Diabetes zu entwickeln.

In einer Studie wurden Geschwisterpaare untersucht. Hierzu wurden die Blutwerte der Brüder von PCOS-Patientinnen mit Insulinresistenz (Gruppe 1) und ohne Insulinresistenz (Gruppe 2) verglichen.
Die Brüder in der Gruppe 1 hatten größtenteils erhöhte Cholesterinwerte und oft ebenfalls eine Insulinresistenz entwickelt. In Gruppe 2 hatte keiner der Brüder eine Insulinresistenz.
Der Body-Mass-Index (BMI) in der Gruppe 1 war zwar etwas höher, jedoch nicht signifikant.
Somit liegt die Ursache der Entstehung der Insulinresistenz nicht im BMI.

Es lässt sich daraus schließen, dass die mit PCOS einhergehenden Erkrankungen auch an ​Söhne weitergegeben werden können. 

​Auch für Jungen ist also Bewegung und eine gesunde Ernährung mit viel Gemüse und wenig ​Süßigkeiten wichtig, damit eine Insulinresistenz und daraus resultierende Erkrankungen vermieden werden können!

​Verwendete Quellen

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